22.06.2021
Andacht

Geh aus mein Herz

Wir schreiben das Jahr 1653. Seit fünf Jahren ist wieder Frieden - nach 30 Jahren Krieg. Drei Millionen Menschenleben hat er gekostet – gestorben durch Pest oder Landsknechte. Hunderte Orte sind verwüstet und werden nie wieder aufgebaut.
In jenem Jahr 1653 erscheint das bedeutendste Kirchengesangbuch des 17.Jahrhunderts, das Crügersche Gesangbuch, in seiner 5. Auflage. In dieser Ausgabe enthalten ist ein neues Lied, das berühmt werden wird. Der damalige Pfarrer von Mittenwald bei Berlin (heute am Schönefelder Autobahnkreuz gelegen) hat es gedichtet. Von seinem Schreibtisch hat er aus dem Fenster geschaut und folgendes ging ihm durchs Gemüt:

Bäche. Bäume. Berge. Bienen. Gärten. Glucke. Hirsche. Hirten. Hügel. Küken. Lerchen. Myrten. Nachtigallen. Narzissen. Rehe. Schafe. Schwalben. Störche. Täler. Tauben. Tulpen. Wälder. Weinstöcke. Weizen.
Alles ringsherum wird lebendig - ich auch!
Ich rieche die Blüten. Ich schmecke den Honig. Ich höre die Vögel. Ich sehe den hellen Schein der Sonne. Ich fühle den Wind.
Ich kann und mag nicht ruhn!
Ich singe!
Ich lasse es aus meinem Herzen fließen zu dir, Gott.
Ich werde nachdenklich: Wenn es hier schon so schön ist…
Wie wird erst deine Welt sein?
Ich sehe: ein Güldenes Schloss!Was für ein Glanz!
Ich sehe: Christi Garten!Was für eine Lust!
Ich habe solche Sehnsucht.
Ach, wär ich schon da!
Wie soll ich es hier nur aushalten?
Ich gehe im Joch, meine Last ist so schwer!
Hilf mir!
Segne meinen Geist.
Lass Segen fließen aus deiner Welt in meine.
Mach in meiner SeelePlatz für deinen Geist!
Ich träume davon, eine Blume in Christi Garten zu sein…
…und in dir Wurzeln zu schlagen .
Lass mich grünen auf dieser Erde, Tag für Tag - bis ich bei dir bin!


nach Paul Gerhardt, "Geh aus, mein Herz und suche Freud", EG 503 (oder per Suchmaschine zu finden)